Cover: André Bitter

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Eine Insel, eine Liebe und ein ganzer Sommer 

Damit hatte Sarah nicht gerechnet. Noch nicht ganz über die Trennung von ihrem Ex hinweg, verliebt sie sich schon wieder. Als Lennard, ihre Neueroberung, sie bittet, mit ihm nach Sylt zu gehen, kann sie ihr Glück kaum fassen. Sie liebt die Nordseeinsel und kann sich nichts Schöneres vorstellen, als mit ihm dort zu leben.

Doch die anfängliche Begeisterung weicht nach und nach der bedrückenden Erkenntnis, dass Lennard eine Vergangenheit in seiner alten Heimat hat, Ereignisse, die ihn einholen, ihn gefangen nehmen und die ihre junge Liebe auf eine harte Probe stellen. Immer häufiger stellt Sarah sich die Frage, ob die Entscheidung, mit ihm zu gehen, richtig war.


Leseprobe – Kapitel 1

Nichts an diesem Mann stimmte mit seinem Profil auf der Partnerbörse überein. Absolut gar nichts. 
Sarah beobachtete ihn heimlich, während er die Eiskarte studierte. Sein Haar war nicht dunkelblond, sondern haselnussbraun mit einer leichten Tendenz zu grauen Schläfen, die Augen nicht blau, sondern graugrün, und auch bei der Größe hatte er so einige Zentimeter dazu geschummelt. Von wegen eins neunzig! Eins zweiundachtzig, schätzte sie. Als Modedesignerin hatte sie ein Auge für Körpergrößen und das war das erste gewesen, was ihr aufgefallen war, als er mit sage und schreibe fünfzehn Minuten Verspätung den Innenhof des Eiscafés betreten hatte. Eins zweiundachtzig! Höchstens! Sie hatte darüber hinweggesehen, schließlich tat es jeder. Und jeder wusste es. Auf Partnerbörsen wurde geschummelt, das gehörte nun mal dazu. Auch Sarah wusste es, natürlich, sie tat es schließlich auch. Notgedrungen. Sonst wäre sie ja im Nachteil gegenüber der Konkurrenz.
Jetzt aber, da sie ihrem Eins-zweiundachtzig-Mann mit den grauen Schläfen im Eiscafé gegenübersaß, fragte sie sich, warum sie sein Profil nicht kritischer durchleuchtet, warum sie dennoch jedes Wort geglaubt hatte. Sie hatte sich sogar hinreißen lassen, sich ein bisschen in sein Profilbild zu verlieben, und als sie seinen geistreichen, gefühlvollen Begrüßungstext gelesen hatte, waren ihr vor Rührung fast die Tränen gekommen. Wer dachte bei solch schönen Worten schon an aufgemotzte Profile? Dieser Mann mit dem reizenden Lächeln und den blauen Augen konnte doch nicht lügen. Er war genau der Typ, auf den sie gewartet hatte, ein Mann von Format, er war der Mann, mit dem sie ihrem untreuen Ex so richtig eins auswischen konnte! Sie hatte sich vorgestellt, dass er sie zum Gartenfest von Geros Eltern begleiten würde und hatte prompt Geros konsterniertes Gesicht vor sich gesehen. Was für ein herrliches Gefühl der Genugtuung!
Und jetzt das! Enttäuschende eins zweiundachtzig und graue Schläfen. Statt des konsternierten Gesichts sah sie nun Geros mitleidiges Lächeln vor sich, ganz so, als wollte er sagen: Dieser Kerl soll mich ersetzen? Und er hätte sogar ein bisschen recht damit.
War es in dieser verzwickten Situation nicht besser, gar nicht erst zum Gartenfest ihrer Ex-Schwiegereltern in spe zu erscheinen und sich mit einer Sommergrippe, einem Todesfall oder sonst wie herauszureden? Nein, das würde sie nicht über sich bringen. Sie wären maßlos enttäuscht. Außerdem war es nicht einzusehen, dass sie ihnen die Freundschaft aufkündigte, nur weil ihr Sohn sich eine andere geangelt hatte. Und überhaupt. Sie wollte Gero unter allen Umständen und schnellstmöglich einen neuen Mann an ihrer Seite präsentieren, und eine bessere Gelegenheit als der Geburtstag seiner Mutter würde so schnell nicht wieder kommen.
Ein Luftzug streifte ihr Gesicht und riss sie aus ihren Gedanken. Ihr Gegenüber hatte die Karte zugeklappt und blickte sie an. Jetzt sah sie es ganz deutlich: Graugrün. Seine Augen waren graugrün.
»Du weißt schon, was du nimmst?«, fragte er.
»Spaghettieis natürlich.«
Amüsiert zog er die Augenbrauen hoch.
»Sorry, kannst du ja nicht wissen. Das ist mein Lieblingseis. Das nehme ich immer.«
»Dann bist du also eine von denen, die auf Nummer sicher gehen und lieber immer dasselbe wählen, bevor sie das Risiko eingehen hereinzufallen?«
Zugegeben, er hatte eine gepflegte Art, sich auszudrücken, aber inhaltlich war es ja wohl das Letzte! »Nein«, antwortete sie mit süffisantem Lächeln, »ich bin eine von denen, die die Gelegenheit nutzen, die Karte zu studieren, während sich die Verabredung verspätet.« Das war natürlich komplett unlogisch, denn sie hatte ihn gerade erst wissen lassen, dass sie ohnehin immer dasselbe nahm. Vielleicht bemerkte er es nicht.
Er nickte anerkennend. »Das nenn ich doch mal schlagfertig.«
Er hatte es nicht bemerkt. Stattdessen hatte er ihr sogar ein Kompliment gemacht. Dass sie schlagfertig war, hatte Gero ihr nie gesagt. Sie fühlte sich geschmeichelt und hob den Kopf ein Stückchen höher.
Mit zusammengekniffenen Augen blickte er ins Weite, als müsse er angestrengt über etwas nachdenken.
Das irritierte sie. »Was ist?«
»Nichts weiter. Ich hab mich nur gerade gefragt, … ach, nicht so wichtig.«
»Ja, was denn?«
»Naja, ich frage mich, ob es nicht Energieverschwendung ist, die Karte zu studieren, wenn du sowieso immer dasselbe nimmst?«
Er hatte es doch bemerkt. »Bist du Physiker?«
Er lachte. Es war ein ganz nettes Lachen.
»Nein, ich bin kein Physiker.«
»Also, wenn du es genau wissen willst: Ich bin neugierig, ob es eine neue Eissorte gibt, Kokos-Eis zum Beispiel. Das ist mein Lieblingseis.«
»Das ist doch keine Neuheit.«
»Nein, aber hier gibt es das nicht. Und wenn es das gäbe, würde ich mir einen Spaghettibecher bestellen, aber das Vanilleeis durch Kokos-Eis ersetzen lassen. Das wäre dann mein absoluter Lieblingseisbecher. Und dann müsste ich meine Energie nicht mehr damit verschwenden, die Eiskarte zu studieren, während meine Verabredung sich verspätet.«
»Na komm, sei nicht so nachtragend.«
»Ich bin nicht nachtragend, ich hab's nur nicht so gern, wenn man mich warten lässt.«
»Also, ich hatte einen wirklich guten Grund. Reicht das als Erklärung?«
Sarah zuckte die Schultern. »Es geht mich ja auch gar nichts an.«
Er gab der Bedienung ein Zeichen und bestellte ein Spaghetti-Eis und einen Erdbeerbecher. Dann stützte er die Ellenbogen auf dem Tisch ab, faltete die Hände und musterte sie mit offenem Lächeln.
Okay, sein Alter kaufte sie ihm ab. Die Lachfalten um die Augen sprachen eine deutliche Sprache. Achtunddreißig, das konnte passen. Allerdings warf es die Frage auf, warum er sich mit einer Frau verabredete, die neun Jahre jünger war als er. Sarah rief sich sein Profil ins Gedächtnis. Wenn sie sich richtig erinnerte, suchte er eine Frau zwischen zwanzig und dreißig. Erst in diesem Moment wurde ihr klar, dass sie jetzt nicht hier sitzen müsste, wenn sie ihr wahres Alter angegeben hätte. Sie wäre bei ihm durchgerutscht, knapp zwar, aber durchgerutscht. Er wäre ihr erst gar nicht vorgeschlagen worden. Ehrlichkeit war manchmal nicht das Schlechteste. Dann wäre ihr diese Enttäuschung erspart geblieben. So eklatant zu schummeln, das grenzte schon an Betrug. Aber es nutzte nichts. Morgen war das Gartenfest und so schnell würde sie keinen Ersatz finden.
»Also? Warum hast du dich mit mir verabredet?« Oh nein! Was für eine blöde Frage, dachte sie, kaum, dass sie sie ausgesprochen hatte.
»Ich suche eine Putzfrau für mein Loft.« Er grinste breit. Offenbar fand er das witzig.
Sarah versuchte, sich ihre Empörung nicht anmerken zu lassen und verzog keine Miene. »Hast du es schon bei den Stellenanzeigen versucht?«
Er grinste schief. »Hey, das war ein Scherz.«
»Ach so. Du bist also einer von denen, die sich für witzig halten?«
»Hattest du nicht geschrieben, du magst Männer mit Humor?«
»Das kommt immer drauf an.«
Die Bedienung unterbrach den unglückseligen Beginn ihrer Unterhaltung und servierte das Eis.
»Es ist schon erstaunlich, was man mit einem einfachen Bildbearbeitungsprogramm heutzutage so anstellen kann«, sagte Lennard beiläufig, während er mit gesegnetem Appetit sein Eis löffelte.
»Was meinst du damit?«
»Ich meine die Profilbilder in der Partnerbörse. Ich habe noch keine Frau getroffen, die auch nur annähernd ihrem Foto glich.«
Hallo? Wer hatte denn sein Foto bis zur Unkenntlichkeit bearbeitet? »Na, das sagt der Richtige«, konterte Sarah halb empört, halb belustigt. »Ich hätte dich nicht wiedererkannt, wenn du mir auf der Straße begegnet wärst.«
Er ließ ihre Bemerkung in der Luft hängen.
»Dabei wird es doch spätestens dann offenbar«, fuhr er einfach fort, »wenn man sich gegenübersitzt. Jetzt mal ehrlich: Du hast doch auch ein bisschen nachgeholfen, oder?«
»Nein, ich sehe wirklich so toll aus!«, entwich es Sarah.
Er lachte. Er lachte frech drauflos!
Warum schoss ihr jetzt die Schamesröte ins Gesicht? Sie hatte doch nur das etwas missglückte Porträt an die Wirklichkeit angepasst, Pickel abgedeckt, Kajal nachgezogen, Augen etwas vergrößert, Lippen und Augenbrauen betont, solche Kleinigkeiten eben. Er lachte immer noch. Die Sahne würde sie noch essen. Die gefrorene Sahne unter dem Vanilleeis war das Beste am Spaghetti-Becher. Nur deshalb bestellte sie ihn. Sie würde also die Sahne noch genießen und dann aufstehen und gehen. Jetzt reichte es. »Was ist so lustig?«
»Entschuldigung«, sagte er, nachdem er sich halbwegs beruhigt hatte. »Wenn ich Eis esse, muss ich immer lachen. Hat nichts mit dir zu tun. Wir hätten uns woanders verabreden sollen.«
Der Typ war nicht ganz richtig im Kopf. Sarah überlegte, ob sie unter den Umständen auf die Sahne verzichten konnte. Aber nein! Das war ja überhaupt nicht einzusehen. »Das war auch einer von deinen Scherzen, nehme ich an?« Ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr sie fort. »Aber sag doch mal, der attraktive Mann auf dem Foto in deinem Profil, kannst du mir den nicht kurzfristig mal vorstellen? Ich meine, ziemlich kurzfristig, heute Abend vielleicht?«
»Das würde ich sofort tun, wenn ich ihn kennen würde. Ich nehme an, er ist ein Model oder so was.«
»Wie bitte? Du benutzt ein Foto von einem anderen, und dazu von einem, den du nicht mal kennst?«
»Natürlich. Macht doch jeder.«
»Ich nicht.«
»Nein. Du schummelst nur beim Alter.«
Wieder spürte sie, dass sie rot wurde. »Notgedrungen. Die Männer haben ja leider irrwitzige Vorstellungen, was das Alter ihrer potentiellen Partnerinnen angeht. Das sieht man doch an dir. Mit achtunddreißig suchst du eine Zwanzigjährige!«
»Eine Zwanzig- bis dreißigjährige. Außerdem …«
»Ja?«
»Ach egal.«
»Nein, jetzt sag schon.«
»Ich bin nicht achtunddreißig.«
»Sondern?«
»Vierunddreißig.«
»Bitte? Und warum machst du dich älter, als du bist?«
»Frauen lieben reifere Männer.«
»Dann ziehen wir doch mal Bilanz: Du benutzt fremde Fotos, mogelst beim Alter, und schmückst dich mit fremden Attributen wie blaue Augen und dunkelblondes Haar.«
Er hatte seinen Eisbecher geleert, legte den Löffel beiseite und tupfte sich mit der Serviette über den Mund. »Das ist die logische Konsequenz. Sonst mache ich mich doch unglaubwürdig.«
»Das verstehe ich. Wer möchte schon unglaubwürdig erscheinen. Und dein Begrüßungstext? Stammt der von dir oder hast du den aus einem fremden Profil kopiert?«
»Hältst du mich für so fantasielos?«
Dazu sagte sie nichts.
»Nein, den Text habe aus einem Groschenroman. Meine Nachbarin liest die Dinger. Ich musste ihn natürlich etwas ummodeln, du weißt schon, wegen des Urheberrechts. Hat er dir gefallen?«
Wenn sie jetzt Ja sagte, war das gleichbedeutend mit: Ich mag Groschenromane. »Geht so.«
»Er hat dir gefallen.«
»Ja, er hat mir gefallen. Aber ich lese keine Groschenromane.«
»Sagt meine Nachbarin auch immer. Und dann stopft sie die Papiertonne damit voll.«
Nein, der Mann ging gar nicht. Es wurde Zeit zu gehen. Sarah seufzte und fasste sich ein Herz, um das Drama zu beenden. »Hör zu, ich will ganz ehrlich sein. Ich denke nicht, dass wir in irgendeiner Weise harmonieren. Vielleicht sollten wir uns an dieser Stelle einfach verabschieden.«
Er grinste. »Harmonie ist der Beziehungskiller Nummer eins.«
»Sagt wer?«
»Ich sage das. Es gibt nichts Schlimmeres, als sich immer einig zu sein. Auseinandersetzungen halten uns lebendig, und das nicht nur geistig, sondern auch …«
»Danke, ich habe verstanden«, wehrte Sarah den Rest des Satzes ab. Sie schob den halbleeren Eisbecher mit dem schönen Rest gefrorener Sahne von sich weg, kramte in ihrer Handtasche nach dem Portmonee und gab der Bedienung ein Zeichen. »Wir sollten es einfach dabei belassen.«
Er lehnte sich zurück, verschränkte die Arme und seufzte. »Schade. Ich find dich nämlich ganz nett.«
»Du hast eine eigenwillige Art, das zu zeigen.«
Die Bedienung kam an den Tisch, er schickte sie wieder weg.
»Hey, ich wollte mein Eis bezahlen.«
»Das musst du nicht. Ich lade dich natürlich ein.« Dann beugte er sich vor und fixierte sie. »Ich muss dir ein Kompliment machen. Von all meinen Dates bist du die erste Frau, die ihr Foto zu ihrem Nachteil bearbeitet hat.«
»An deinen Komplimenten solltest du noch etwas arbeiten. Für mich klingt das eher nach einer Beleidigung.«
»Ja, okay, das war vielleicht etwas unglücklich ausgedrückt, aber absolut ernst gemeint. Du bist geistreich, siehst nett aus und ich finde dich sympathisch. Mit dir würd ich mich sogar ein zweites Mal verabreden.«
Sarah war nicht sicher, ob er sie auf den Arm nahm. »Sogar? Na, das klingt ja wirklich generös.« Sein Blick irritierte sie. Meinte er es wirklich ernst, nach allem, was er sich bisher geleistet hatte? Wie auch immer. Dieser Mann war nicht der Typ, bei dem es Gero die Sprache verschlagen würde.
»Pass auf, ich mach dir einen Vorschlag«, sagte Lennard. »Ein Freund hat mich übers Wochenende eingeladen. Er hat ein kleines Hotel auf Sylt, das er zusammen mit seinen Eltern betreibt. Das Hotel liegt am Stadtrand von Westerland, von der Frühstücksterrasse blickt man auf die Dünen und vom Balkon aufs Meer. Wie wäre es, wenn du mich begleitest? Ich fahre am Freitag, also übermorgen, nach der Arbeit los, gegen halb vier.«
Sarah schluckte. Hatte sie richtig gehört? Er hatte sie übers Wochenende nach Sylt eingeladen, auf die Insel, die sie schon seit Jahren besuchen wollte? Sie kam sich vor wie in einer Sonntagabendromanze im Fernsehen und würde am liebsten sofort blauäugig und bedingungslos zusagen. Aber halt, stopp. So verführerisch es auch war, der Vorschlag kam von dem falschen Mann. »Wie stellst du dir das vor? Wir kennen uns doch gar nicht.«
»Eben. Da hätten wir Gelegenheit, uns etwas kennenzulernen, ganz unverbindlich und im Kreise einer netten Familie. Und wenn du dann immer noch einen Rückzieher machst, dann ist es okay für mich. Das ist jetzt mein Angebot. Du kannst es annehmen oder ablehnen. Es liegt bei dir. Du bekommst natürlich dein eigenes Zimmer. Vielleicht erleichtert das deine Entscheidung.« Er winkte der Bedienung.
Ein eigenes Zimmer? Sarah spürte leichte Panik aufsteigen. Er wollte doch nicht gehen, bevor sie darüber nachdenken konnte. Sie musste ihren ganzen bisherigen Plan ummodeln und dafür brauchte sie noch einen Moment. Eine Einladung nach Sylt! Das änderte alles! Das würde Gero vor Neid erblassen lassen.
»Dieser Freund …«, fragte sie, um Zeit zu gewinnen.
»Ben.«
»Dieser Ben, der hat also ein Hotel. Kann ich mir das im Internet ansehen?«
Lennard zog sein Handy aus der Hosentasche, tippte darauf herum und präsentierte ihr die Webseite des Hotels.
»Hotel Strandmöwe«, las sie und gab sich unbeeindruckt. In Wahrheit aber hatte sie Mühe, ihre Begeisterung zu verbergen. Das Hotel war ein Traum. Ein dreigeschossiges Gebäude mit weißer Fassade und blauen Sprossenfenstern.
»Es sieht kleiner aus, als es ist. Ich glaube, es gibt achtundzwanzig Betten, im Erdgeschoss sind der Frühstücksraum, ein Restaurant und eine kleine Bar. Wenn im Winter das Feuer im Kamin brennt, dann ist es da richtig heimelig.«
Bei der Vorstellung stieß Sarah einen glückseligen Seufzer aus.
»Und hier sind die Paulsens: Ben, seine Schwester Flora und seine Eltern. Es sind ganz liebe Leute.«
Dem Foto nach zu urteilen wirkte die ganze Familie wirklich sehr sympathisch. »Und ich habe ein Zimmer für mich allein?«
»Ja, versprochen.«
Sylt! Wie lange träumte sie schon von einem Urlaub auf Sylt. Seit acht Jahren lebte sie nun in Lüneburg und hatte es noch nie auf die Insel geschafft. »Und du holst mich ab?«
»Ich hole dich ab.«
»Sag mal, wäre es möglich, dass wir vorher einen kleinen Abstecher nach Adendorf machen?«
»Kein Problem. Wozu?«
»Ich habe da eine Kleinigkeit zu erledigen.«
»Das heißt also, du fährst mit?«
»Ja. Ich fahre mit.«
Siegesgewiss grinste Sarah vor sich hin. Nie und nimmer rechnete Gero damit, dass sie so schnell über ihn hinwegkommen würde.
Die Bedienung kam an den Tisch und Lennard bezahlte die Rechnung.
Sarah musterte ihn heimlich. Bei genauerer Betrachtung sah er doch eigentlich ganz nett aus. Ja, irgendwie hatte er was. Die kleinen Schummeleien sollte man nicht überbewerten. Jeder versuchte, sich von seiner besten Seite zu zeigen. Das war doch nur menschlich. Sie hatte schließlich auch nicht nur beim Alter gemogelt. In Wirklichkeit war sie zwei Zentimeter kleiner, drei Kilo schwerer, ihr Haar war getönt und beim Thema Sport hatte sie auch etwas übertrieben. Das war doch ein guter Anlass, endlich mal wieder das Fitnessstudio aufzusuchen.